Ich bin ein Freak – Zählt das zu Provokation?

Inzwischen nutze ich Provokation ja teils gezielt, um etwa euch, liebe Leser*innen, mit reißerischen Überschriften auf meinen Blog zu locken, um euch höchst hinterhältig meine Gedanken aufzudrängen.

Das war aber nicht immer so.

Ich habe sehr lang nicht mal bemerkt, wenn ich provoziert habe, oder wenn doch, dann verstand ich oft nicht womit. Es war sehr oft sehr unangenehm. Jetzt stehe ich drüber, und kann vieles, was als Provokation empfunden wird, lustig finden.

Vor einer Weile ist es mir zum Beispiel wieder passiert – ein klassischer Auftritt als verwirrte, ärmlich gekleidete Ökotante.

November, barfuß, flattrig-dünne Baumwollhose, unterzuckerungsverwirrt, ein (nur ein bisschen, sieht man doch kaum) angeknabberter Schlabber-Pullover, kein BH und ein lilafarbener Schal wie ein Turban um meinen Kopf gewickelt, weil ich meine Mütze nicht finden konnte.
Dazu noch der Rucksack, ungefähr so groß wie ich. Befüllt mit diesmal wohl nur 15-20 kg Einkauf, während ich mit zusammengekniffenen Augen in die Regale kroch, um Inhaltsangaben zu studieren. Ich bin nämlich stark kurzsichtig und trage selten eine Brille.
Meine zwei Kinder – der Große schob den Kleinen in einem Kinder-Einkaufswagen – immer mal wieder am Ausschau halten, wo ich denn nun wieder war. Gesprochen haben wir wie immer Englisch, weswegen dann ein recht nettes, hilfsbereites Pärchen auf mich zukam und fragte:

„Do you need help?“

Grinsend hab ich mich im Dialekt bedankt und erklärt, dass alles gut ist, während ich mir dachte, dass ich es heute wohl wieder geschafft hatte.. Mein Zuhause ist schon lange Teil des örtlichen Kuriositäten-Repertoires, aber meine physische Erscheinung wird wohl nun ebenfalls fester im Bewusstsein verankert.

Ich mache die Leute fertig mit meinem Auftreten.

Zwar bin ich schon viel besser darin, mich wenigstens halbwegs zu verkleiden und nur noch in Richtung „die will wohl auffallen“ aufzufallen, aber an Tagen wie diesen bin ich enttarnt.

Provokation
Quelle: Pixabay

„Normal“ zu wirken ist für mich harte Arbeit. Ich bin es einfach nicht. Und interessanterweise ist das für viele Leute unglaublich schwierig. Mindestens bemerkenswert.

Dabei lebe ich nur vor mich hin!

Vor etwa zwei Jahren gab es auch eine amüsante Situation. Weihnachtszeit in der Stadt, und ich wartete auf eine Mitfahrgelegenheit, die sich verspätete. Baby auf dem Arm habe ich dann den schweren Kindersitz in einem Hauseingang untergestellt. Ich ging ein Stück, um mich aufzuwärmen. Ich hatte keine Jacke an, an den Füßen trug ich Flip-Flops.
Während des Spaziergangs wurde mir, wie auch allen anderen die vorbeikamen, heißer Punsch in einem Pappbecher geschenkt. Ich habe ihn in kleinen Schlucken genossen und hockend an eine Hausmauer gelehnt, weiter gewartet.

Also ohne Jacke, mit Flip-Flops, Baby im Arm und einem Pappbecher in der Hand an der Hausmauer hockend zur Weihnachtszeit.

Ich hatte mich noch gewundert, warum manche Menschen mit einem Anflug von Abscheu reagierten, wenn sie mich anschauten. Um irgendwann zu verstehen, dass ich gerade das klassische Bild einer Bettlerin darstelle.
Es ist schon krass, was Leute die wirklich betteln, oder Magazine vor Supermärkten verkaufen täglich an menschlicher Kälte abkriegen. Einfach nur, weil sie da sind, eine Projektionsfläche bieten. So ganz ohne beabsichtigte Provokation.
Für mich, hin und wieder aus Versehen, ist das amüsant. Aber oft brauche ich das echt nicht.

Provokation
Quelle: Pixabay

Ebenfalls kürzlich passiert:

„Mama, warum hat die Frau keine Schuhe an?“

Sie wusste es nicht, und der Unterton in ihrer Stimme ließ mich vermuten, dass meine aggressive Abgrenzung vom normierten Erscheinungsbild etwas Unangenehmes in ihr wach rief. War es die Provokation meines Erscheinungsbildes, die „Zurschaustellung meiner Armut“, die so unbequem war? Schuldgefühle, oder Wut, weil ich doch mein Leben gut genug im Griff haben sollte um nicht in der Kälte barfuß gehen zu müssen? Weil ich ihr Kind auf dumme Ideen bringen oder – noch viel schlimmer – ins alltägliche Bewusstsein spülen könnte, dass nicht alle Menschen der Welt ausreichend versorgt sind?

Ich war einfach nur barfuß einkaufen. Ist das Provokation?

Man stelle sich vor, ich wäre wirklich arm. Dann träfe mich diese Stigmatisierung vielleicht. So frage ich mich nur, was denn los ist mit den armen Leuten, die mich für arm halten.
Die es als Provokation empfinden, wenn ich gerne barfuß laufe. Oder im Winter mit Pullover unterwegs bin,
Nein, ich hab nicht massig Geld. Aber momentan genug, um im Bioladen einzukaufen und mir Luxus-Ausgaben – Verzeihung, Investitionen – wie diesen Blog zu leisten. Okay, ein Auto geht sich beim derzeitigen Einkommen nicht gut aus. Aber ich habe jetzt den Fahrrad-Anhänger in Betrieb, und damit kann ich noch eine Weile gut überbrücken. Oder unsere Freunde kommen uns für immer besuchen.

Ich bin reich genug*.

Um nicht Seele und Gesundheit für einen Job verkaufen zu müssen, hinter dem ich nicht stehe. Reich genug, um nicht meine Kinder zu Fremden geben zu müssen, wenn ich das nicht will. Ich bin so gut versorgt, dass ich in teureren, lokalen Läden einkaufen kann, um die heimische Kleinwirtschaft zu unterstützen.

Ich leiste mir, meine Ideale zu leben!
Das wird Provokation aufgefasst.

Es gilt als Provokation, dass ich nicht dieses bestehende System unterstütze.
Inzwischen verstehe ich die Leute auch schon ein bisschen, habe genug Erfahrungen gesammelt und Rückmeldungen bekommen, wie ich teilweise auf andere wirke. Und andere Leute beobachten dürfen, die sich ähnlich schräg nach draußen wagen. Aber es ist für mich noch nicht selbstverständlich oder natürlich, diese Dinge zu berücksichtigen. Zumal ich selten doch noch überfordert bin mit der Frage, wie ich denn normal wirken kann.

Und noch öfter mit der Frage, wie ich normal wirken kann, ohne mich zu verbiegen.

Niemals wieder will ich meinen Brustkorb in Geschirre zwängen, die meinen Baumel-Busen an Ort und Stelle halten (wünschenswert) während sie meine Atmung behindern (nicht). Und ich habe zwar Lammfell-Schuhe, aber in denen sind meine Füße nicht so gut durchblutet, können sich nicht so frei bewegen und ich spüre den Untergrund kaum. Die Haare an meinen Beinen stören mich auch nicht mehr. (Das war lange anders. Da wurde ich panisch beim Gedanken, dass jemand unerwünschte Haare bemerkt haben könnte.)
Darum wird es mir wohl nichtmehr gelingen, unter normalen Leuten unterzugehen. Ich lebe jetzt lieber mit der Unterstellung, Provokation zu beabsichtigen.

Aber der Rummel um diese höchst persönlichen Entscheidungen ist beeindruckend.

„Ich beneide dich ja ein bisschen. Meine Achseln sind nur rasiert, weil ich nicht damit klar komme, wenn die Leute mir im Sommer unter die Arme starren, anstatt in mein Gesicht.“
In dieser Welt leben wir.
Wenn der Körper nicht „korrigiert“ wird, irritiert das dermaßen, dass manche sich nicht mehr aufs Gespräch fokussieren können. Es gilt als Provokation. So unüblich ist das inzwischen.

Beim äußeren Eindruck ist erstmal scheißegal, welche Ideologie zum jeweiligen Erscheinungsbild führt. Was aber klar zutage gefördert wird, sind Weltbilder, Vorurteile, Glaubenssätze.

Ich will meine Kinder zwar ermutigen, sich so zu präsentieren, wie sie sich wohlfühlen, aber im Bewusstsein, was sie damit riskieren.
Gewisse Reaktionen oder Vorurteile lassen sich nämlich abschätzen, auch wenn Geschmäcker verschieden sind. Wenn jemand schmutzig oder ungepflegt aussieht, ist das noch leichter greifbar. Wenn allerdings eine Zehnjährige sich anmalt, wie sie es im Mädchen-Heft gesehen hat, und dazu noch ein Shirt mit Ausschnitt beim Bauchnabel, könnte das doch ungünstig enden.

Zum Beispiel peinlich, weil sie ausgelacht wird.

Ich bin jetzt erwachsen und bin mir völlig darüber im Klaren, dass manche wahrscheinlich schnappatmend kotzen gehen, wenn sie mich im Sommer anschauen müssen. In kurzem Rock, der haarig-voluminöses Bein zeigt, und sich abzeichnendem Baumel-Busen mit Achselflaum-Krönung. Ich weiß auch, dass andere Titten und einen großen Popo sehen, und das geil finden.
Ich will einfach nur Vitamin D machen, Luft an der Haut, und bequeme Kleidung tragen.

Es hat sehr lange gedauert, bis ich die Chuzpe entwickelt habe, mich so zu zeigen.

Sehr, sehr lange.
Bis ich dann viel allein in der Natur war, wo es keinen gekümmert hat, wie ich aussehe. Weil niemand da war, und ich irgendwann vergaß, mich zu verkleiden. Da merkte ich dann, dass ich es ohne weiteres überlebt habe, so rauszugehen, wie ich mich eigentlich wohlfühle.

Inzwischen habe ich beschlossen, dass derartiges Auftreten total wichtig ist.

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Quelle: Pixabay

Vor allem für unsichere junge Mädchen.
Die wollen sicher nicht sein wie ich. Aber sie sehen, wie ein normaler Körper aussieht, der nicht künstlich verändert wurde. Das hat inzwischen Raritäten-Status, wäre aber extrem wichtig, um einen gesunden Bezug zum eigenen Körper zu entwickeln.
Wobei ich gern auf die Möglichkeit zurückgreife, ein paar Kanten meines Auftritts abzurunden, wenn ich etwa Termine bei Behörden habe.

Dafür muss ich aber erstmal wissen, wie das geht.

Darum sensibilisiere ich meine Kinder inzwischen für die Auswirkungen von Urteilen anderer.
Nicht á la „Was sollen denn die Nachbarn denken?!“, wo kämen wir denn hin. Aber als wir noch unterwegs waren, haben manche Leute bei unserem Anblick fast geheult. Vor allem, wenn wir keine Schuhe anhatten. Sie wollten uns dann oft Geld und Junk-Food aufdrängen, weil sie meinten, ich wäre zu stolz, um ihre milden Gaben anzunehmen.
Im Dorf, in dem wir leben, muss das nicht sein. Jugendamt hatten wir auch schon hier. (Die mögen uns.)
Ich denke da schon auch an die Zukunft der Kids, und sehe mich in der Verantwortung.
Wir werden niemals normal wirken und mit der Tapete verschmelzen. Niemals.

Aber wer direkt mit uns zu tun hat, dem will ich es leichter machen, uns zu mögen.

Und ich möchte, dass auch die Kinder wissen, wie sie es den Leuten leichter machen, sie zu mögen. Oder leichter Zugang zu Gruppen finden, um sich zugehörig zu fühlen.
Dazu gehören Informationen wie, dass die meisten es voll eklig finden, wenn man in der Nase popelt. Was man bei religiösen Stätten aus Respekt beachten sollte. Welche Bilder das Kollektiv mit gewissen Dingen verknüpft (z.B. werden keltische Symbole teils mit Nazis assoziiert), und so weiter.
Eventuell auch nachfragen, ob es beabsichtigt ist, wenn nicht nur die Unterwäsche rausguckt, sondern gleich der halbe Hintern bewundert werden darf.

Sie mit solchen Dingen allein zu lassen fände ich sehr unfair.

Ich will sie nicht ins offene Messer laufen lassen. Viel lieber möchte ich ihnen dabei behilflich sein, Wege zu finden, sich im Einklang mit ihren Präferenzen und den wahrscheinlichen Reaktionen zu zeigen.
Woran es bei mir damals gescheitert ist, weiß ich leider nicht. Meine Geschwister sind viel normaler als ich.
Ich versuche einfach, den Kids weiterzugeben, was ich mir bisher aneignen konnte.

Was findet ihr da wichtig?

 

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*Ab August fällt über die Hälfte meines Einkommens, nämlich 450 Euro, weg. Unter anderem aus gesundheitlichen Gründen stehe ich vor ein paar Herausforderungen, dieses Einkommen mal eben zu ersetzen. Außerdem habe ich keine Lust, meine Zeit und Energie für etwas zu verkaufen, das ich nicht machen will. Was ich machen will, ist, neben ähnlichen Projekten die noch reifen, dieser Blog, die Gestaltung des Entfaltungsraumes, das Aneignen und (gerne unentgeltliche) Weitergeben und Anwenden von Wissen,..
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Hier schreibt Mira. Hauptberuflich Lebenskünstlerin mit Fokus auf Heilkunde und Mutterschaft.

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