Wie gefährlich ist Handy-Strahlung? – Physiker im Gespräch – Teil 2

In Teil 1 hat Max einige Grundlagen zur Handy-Strahlung geklärt, hier in Teil 2 geht es um aus seinen Quellen belegbare Auswirkungen und unsere gegenläufigen Erfahrungen.

Es wurde festgestellt, dass sich das Gehirn erwärmt, wenn wir das Telefon bei längeren Gesprächen am gleichen Ohr halten. In einem italienischen Verfahren wurde einem Mann sogar Recht gegeben, der behauptete, sein Hirntumor wäre wegen des beruflich bedingten ständigen Telefonierens entstanden. Inwiefern ist es gesundheitlich bedenklich, wenn sich unser Gehirn erhitzt?

Das Gehirn erwärmt sich nicht – außer man steckt seinen Kopf in eine Mikrowelle.

Also nein, dazu ist die Sendeleistung des Empfangsgerätes bei weitem nicht ausreichend, selbst bei höchster Sendeleistung, wie oben beschrieben.

Wieso das Gericht bei dem erwähnten Verfahren der Anklage gefolgt ist, ist mir schleierhaft, zumal die Gutachten zu dem Verfahren nicht veröffentlicht wurden. Von physikalischen Gesichtspunkten aus also erstmal Humbug.

Auszug aus einem Artikel:
Eine vertiefte Abklärung ist umso wichtiger, als man bis heute nicht weiss, wie die hochfrequente elektromagnetische Strahlung die Hirnfunktion stören kann. Aus Gewebeuntersuchungen gebe es Hinweise, dass der Effekt über oxidativen Stress in den Zellen vermittelt werden könnte, sagt Röösli. Ein thermischer Effekt sei dagegen sehr unwahrscheinlich, denn um das Hirn zu erwärmen, brauche es ganz andere Strahlendosen.

https://www.nzz.ch/wissenschaft/handystrahlen-koennen-aufs-gehirn-schlagen-ld.1404643

Wiederholung aus Teil 1:

Als zuverlässig gilt eine recht aktuelle Erkenntnis aus dem Tierversuch: Handy-Strahlung kann demnach zwar nicht die Entstehung eines Hirntumors, aber das Wachstum eines bereits bestehenden Tumors fördern. Das zumindest ergab ein Experiment des Biologen Prof. Alexander Lerchl von der Jacobs University Bremen, der sich zuvor stets als Gegner derartiger Zusammenhänge positioniert hatte.“

https://www.morgenpost.de/ratgeber/article207389535/Wie-gefaehrlich-ist-elektromagnetische-Strahlung-wirklich.html

Es gibt allerdings eine Erklärung für die subjektive Annahme, dass der Kopf beim Telefonieren erwärmt wird.

Diese kann man zu Hause selbst mit dem eigenen Handy und einer 08/15-Wärmebildkamera aus dem Baumarkt nachvollziehen: erstmal das ausgeschaltete Telefon für ein paar Minuten an das Ohr pressen und ein Telefonat nachstellen. Anschließend eine Messung vornehmen, sowohl am Kopf, als auch am Telefon. In einem zweiten Schritt das Telefon mit voller Sendeleistung betreiben, gleiche Dauer, diesmal jedoch wirklich telefonieren. Anschließend wieder Kopf und Telefon messen. Das Ergebnis ist erstaunlich, wenngleich nicht mit elektromagnetischen Feldern erklärbar.

Durch die gesteigerte Sendeleistung ist der Akku erheblich stärker beansprucht wurden – das Telefon hat sich um einige Grad stärker aufgeheizt als vorher.

Durch die Physiognomie des Kopfes (stark durchblutet, viele Sinneszellen) nehmen wir diese Erwärmung viel stärker wahr – und man kann sie fälschlicherweise den Strahlen zuschieben, wenn man möchte. Die Erklärung ist aber, wie erwähnt, viel simpler und unspektakulärer:

Es liegt an der Konvektion, dem Transport von Wärme über eine
thermodynamische Systemgrenze hinweg.

Strahlung
Quelle: Pixabay

Wer es jetzt immer noch nicht glaubt, macht einen weiteren Versuch: einen Stein auf die vorher gemessene Temperatur des Telefons erwärmen und wie ein Telefon an das Ohr halten. Der Kopf wird dieselbe Temperatur haben wie beim vorherigen Versuch – ganz ohne Strahlung.

Das Ungesunde, wie auch bereits die Frage andeutet, ist auch nicht unbedingt die Strahlung, sondern die Erwärmung gewisser Körperregionen. Haben wir beispielsweise Fieber, so kann der Körper seine Kerntemperatur bis knapp 41° nach oben regulieren – alles, was darüber hinaus geht, wird gefährlich, da es dann zu Hitzeschockantworten der Zellen kommt. Wenn dann immer noch Energie zugeführt wird, führt das zur Denaturierung von Zellproteinen.

So eine Energiezufuhr ist aber von einem Gerät wie einem Mobiltelefon nicht möglich – da wären wir dann wieder bei der Leistung einer Mikrowelle.

Gibt es noch andere potenziell schädliche Auswirkungen?

Das ist medizinisch noch nicht abschließend geklärt.

Jedes Jahr werden in der EU zig Millionen Euro in die Forschung zu den Auswirkungen von elektromagnetischen Strahlen auf den Organismus von Säugetieren investiert. Wirklich Zählbares ist dabei noch nicht herausgekommen. Für den Menschen wurden mehrere Punkte bereits untersucht – Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Krebs, Erbgut-Veränderungen zum Beispiel. Die letzten Studien (wobei ich zugegeben teilweise nur die Abstracts gelesen habe), die ich mir zu Gemüte geführt habe, kommen immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen, unabhängig von der Finanzierung. Wirklich konklusiv ist keine, sie widersprechen sich zum Großteil auch – vielleicht schafft eine laufende Langzeitstudie der WHO mit über 250.000 Probanden ja in einigen Jahren Abhilfe.

Laut diesem Beitrag könnte elektromagnetische Strahlung Tumorwachstum verstärken.

https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article155764310/Handystrahlung-koennte-Tumore-wachsen-lassen.html

Das ist nämlich aktuell das Problem: wirklich aussagekräftige Langzeitstudien gibt es noch nicht.

Auf die müssen wir noch ein paar Jahre warten.
Weiters kann ich den Ausgang meiner Studie mit vielen Dingen steuern: Auswahl der Probanden, deren Geschlecht und Alter, deren Intensität der Nutzung von mobilen Geräten, Gesundheitszustände, nehme ich nur Probanden auf, die gesund sind oder wähle ich auch solche mit medizinischer Vorgeschichte. Das alles und noch viel mehr fließt in all diese Studien ein.

Dementsprechend kann ich meine Ergebnisse natürlich bis zu einem gewissen Grad in die Richtung lenken, in die ich sie brauche oder haben möchte.

Das beste Beispiel dafür ist eine Untersuchung von (sich selbst als solche einstufende) elektrosensitiven Personen, die über psychische Symptome berichtet haben – in erster Linie Schlaf und
Konzentrationsstörungen. Die unten erwähnte Studie (Volltext!) der ETH Zürich hat diese ganz klar widerlegt – mit einer doppelt verblindeten Cross-over-Studie. Rein wissenschaftlich gibt es also
keinen Nachweis, dass derartige Elektrosensitivität wirklich existiert.

Dies gilt für den Menschen – im Tierreich sieht das alles ein bisschen anders aus.

Einige Taxa besitzen die Fähigkeit, mit Hilfe elektrosensibler Rezeptoren elektromagnetische Felder wahrzunehmen – sollte dies dem Menschen einmal möglich gewesen sein, so hat er diese Fähigkeit im Laufe der Evolution wohl verloren.

Auszug aus einem Artikel:

Sowohl die Symptome als auch die wahrgenommenen Quellen der Krankheit, also zum Beispiel WLAN oder mobilfunkhochfrequente Felder, sind sehr vielfältig„, erklärt Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz. Das mache es unmöglich, Elektrosensibilität als wissenschaftliche Größe zu messen.

Die Elektrosensitivität hingegen, also die Fähigkeit, ein real gegebenes elektrisches, magnetisches oder elektromagnetisches Feld zu spüren, lässt sich Studien zufolge wissenschaftlich messen. Dies sei allerdings erst oberhalb der sogenannten Schwellenwerte möglich, wie Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz erklärt. Erst ab einem bestimmten Schwellenwert reagiere unser Körper auf elektromagnetische Felder und die von der Regierung festgelegten Grenzwerte für elektromagnetische Felder lägen deutlich unter diesem Schwellenwert.

https://www1.wdr.de/wissen/mensch/elektrosensibilitaet-100.amp

Auch für die cancerogene Wirkung von mobilfunkinduzierter Strahlung gibt es keine wirklich nachhaltigen Anhaltspunkte.

Hier gibt es eine Reihe von Studien aus den 00er-Jahren, die alle zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, sich teilweise auch vollkommen widersprechen.
Ein weiterer immer wieder postulierter Punkt ist die Auswirkung von nicht-ionisierender Strahlung auf das Erbgut. 2013 lief eine Studie der TU Darmstadt aus, die keine genotoxische oder chromosomenschädigende Wirkung von gepulste Strahlung nachweisen konnte.

Allerdings gibt es auch hier in den Weiten der Wissenschaft gegenteilige Studien und Untersuchungen.

2003 gab es in einem Magazin für Neurowissenschaften eine Publikation, die nachgewiesen hat, dass während der Nutzung von Mobiltelefonen bestimmte extrem langwellige Hirnströme auftreten. Diese sind allerdings reversibel, und es ist ihnen keine schädigende Auswirkung nachgewiesen worden. Inwieweit diese niederfrequenten Wellen Gehirnregionen beeinflussen kann ich nicht sagen.

Das wäre eine Frage für einen Neurologen oder Neurochirurgen.

Ich selbst hatte eigentlich von Kindheit weg immer eine Netzfreischaltung in meinem Schlafzimmer – ob die wirklich etwas bringt, kann ich nicht sagen. Erstens einmal wird sie nur wirksam, wenn keine Stand-by-Verbraucher an diesem Stromkreis hängen (also z.B. ein Radiowecker, ein Fernseher, ein Handyladegerät, etc.). Zweitens ist es so, dass bei einer Unterputzverlegung sowieso schon relativ gut geschirmt wird. Drittens kann ich mir in meinem Mehrparteienhaus so viel Netzfreischaltung installieren, wie ich will – wenn mein Bett an der Wand zum Nachbarn steht und er keine hat, war das ganze für die Katz‘.
Weder meine Freundin noch ich sind elektrosensibel, und wir können auch nicht sagen, ob der Router ein- oder das Netz freigeschaltet ist, wenn wir es nicht wissen.

Wir haben das immer wieder probiert – und lustigerweise immer besser geschlafen, wenn wir gedacht haben, der Router sei aus.

Eine direkte Korrelation von besserem Schlaf zu ausgeschaltetem Router oder freigeschaltetem Stromkreis ist mir nie aufgefallen. Inwieweit bei derartigen Fragen die psychologische Komponente greift, liegt auch nicht in meinem Kompetenzbereich – ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass gewisse Denkprozesse und Ängste (auch unbegründete!) durchaus krank machen können.
Wieso ich mein Netz trotzdem aus- und freischalte, weiß ich nicht.

Ich gehe davon aus, dass eine Minimierung der unmittelbaren elektromagnetischen Strahlung sicher nicht verkehrt ist – beweisen kann ich das allerdings nicht.

Da ich die Möglichkeit aber habe, nutze ich sie auch.

Generell würde ich allerdings sagen, ist die Gefahr, sich durch ein Mobiltelefon lebensgefährlich zu schädigen nur dann gegeben, wenn man beim Autofahren telefoniert und aufgrund der Ablenkung einen Unfall baut.
(Quellen:
Kramarenko A.V. (2003): Effects of high-frequency electromagnetic fields on human EEG: a brain mapping study. In: International Journal of Neuroscience, 113.Jg., H. 7, S.1007-19;
Regel S.J. (2006): UMTS Base Station-like Exposure, Well-Being, and Cognitive performance. In: Environmental Health Perspectives, 114. Jg.,
H.8, S. 1270-1275;
https://www.emf.ethz.ch/fileadmin/redaktion/public/downloads/3_angebot/forschung/Interphone/Kommentar_Interphone_2008.pdf;
http://www.emf-forschungsprogramm.de/akt_emf_forschung.html/bio_HF_001.html;

Hier füge ich meine Erfahrungswerte zum Thema an:

Schon während der Schwangerschaft mit K2 war ich im Vergleich zu vorher relativ wenig Strahlung ausgesetzt. Etwa neun Monate nach der Geburt, und damit neun Monate ohne W-Lan oder Stromfluss in den Wänden, kam der Bus mit den Solarpaneelen. Ich war die meiste Zeit auf der Straße gegenüber, im Wohnmobil.
Dort hatte ich W-Lan-Empfang, wenn es denn im Bus eingeschaltet wurde. Nach einer Weile fiel mir öfter dumpfer Druck auf meinen Scheitel auf, den ich erst mit nichts in Verbindung bringen konnte. Irgendwann fiel mir dann auf, dass ich ihn nur wahrnahm, wenn auch das W-Lan eingeschaltet war.
Selbstverständlich habe ich das Ganze kreuz und quer geprüft.
Ohne Druck und ohne zu wissen, ob das W-Lan an war.
Mit Druck, ohne zu wissen, ob das W-Lan an war.
Mehrmals.

Die Ergebnisse waren eindeutig, ich fühlte diesen Druck nur, wenn es an war.

Zudem schalte ich normalerweise mein Telefon nachts auf Flugmodus, sodass es meinem Verständnis nach strahlungstechnisch ähnlich wie ein Taschenrechner sein sollte. Hatte ich das vergessen, schliefen sowohl ich als auch meine Kinder, die davon keine Ahnung haben, deutlich schlechter. Wir wachten richtig gerädert auf.
Oft war ich mir sogar ziemlich sicher, dass ich daran gedacht hatte, aber beim fünften Mal Aufwachen prüfte ich dann doch, und hatte tatsächlich vergessen, den Flugmodus zu aktivieren.
Ansonsten stelle ich noch einen Unterschied in der Schlafqualität der Kinder fest, wenn ich abends noch W-Lan nutze.

Interessant ist, dass die Sensibilität eine Weile wieder weniger stark ausgeprägt war, und nun wieder zunimmt.
Offene Fragen sind für mich, ob ich mich aufgrund intensiverer Exposition wieder daran gewöhnt habe, oder mein gesundheitlicher Zustand damit zu tun hat. Manche Meinen ja, derartige Wahrnehmung und Sensibilität hat vor allem mit der Zirbeldrüse zu tun.

Aus zweiter Hand kann ich von Menschen berichten, die bei Nutzung von Computern und Internet Durchfall bekommen, ohne jedoch desbezügliche Ängste zu haben.

Fortsetzung folgt! Wie man sieht, weiterhin traute Zweinigkeit 🙂 

Zudem habe ich neue Experten-Interviews gefunden, die sich kritisch zur Auswirkung von Mobilfunk und ähnlicher Strahlung äußern. Ich bin gespannt, was ich nach deren Durcharbeitung zur Diskussion stellen kann!

 

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Hier schreibt Mira. Hauptberuflich Lebenskünstlerin mit Fokus auf Heilkunde und Mutterschaft.

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