Bedeuten Qualifikationen, dass ich Kompetenzen habe?

Letztens in einer Gruppe gab es eine wohl sehr hitzige Diskussion über Kompetenzen und deren Nachweis. Jemand hatte nämlich die Idee, sich ohne Ausbildung Coach zu nennen und als solcher zu arbeiten.

Machen ständig Leute.

Diese Frau ging damit eben an eine Gruppe, und fragte, an welchem Coaching-Produkt sie am ehesten interessiert wären. Die Resonanz war scheinbar recht unfreundlich, sodass die Dame den Beitrag löschte. Schade eigentlich, sonst hätte ich jetzt mehr Stoff.

Wir haben alle gelernt, man muss sich von anerkannten Instituten ausbilden lassen, einen Wisch – Pardon, einen Qualifikationsnachweis – erwerben, und erst dann ist man für irgendwas qualifiziert.

Dann hat man das Recht, anderen zu sagen, was sie tun sollen (Beratung), denn das weiß man jetzt. Weil man sich den Zettel erarbeitet und vorgegebene Inhalte in sich rein gesaugt hat, was andere überprüft haben. Egal, ob man jetzt noch alles weiß, oder nur bulemisch gelernt hat (reinstopfen und auskotzen).
Schauen wir uns an, wozu es in der Praxis führt, wenn wir uns studierten Leuten anvertrauen und ihren Ratschlägen folgen, weil sie es besser wissen müssen?

Schließlich sind sie Experten!

Ich verweise hiermit auf all die Falschinformationen, Behandlungsfehler, Fehldiagnosen und Horrorgeschichten, die Ärzte, Pflegepersonal und anderes Fachpersonal zu verantworten haben.
Auf all die Frauen und Männer, die rückblickend sagen, dass sie einfach naiv waren. Es eben nicht besser wussten. Jemandem vertraut haben, der vermeintliche Sicherheit ausstrahlte. Und sei es nur wegen des Arbeitsplatzes im Krankenhaus.

Ja, diese Menschen haben gewisse Kompetenzen durch ihre Ausbildung erworben.

Sie füllten komplexe, detaillierte Vorgänge, Funktionsweisen und Abläufe in ihr Gedächtnis, die sie in der Praxis auch sinnvoll umsetzen sollten.
Die Lehrinhalte dieser Ausbildungen sind immer exakt gleich, begründen sich auf der unumstößlichen Wahrheit und sind vollständig. Durch Weiterbildungspflicht wird ein gewisser Standard auch später gesichert.
Im Klinik-Alltag werden sie Schritt für Schritt in ihre Tätigkeit herangeführt, anfangs noch unter dem wachenden Auge und Anleitung erfahrener Kolleginnen und Kollegen.

So die Theorie.

In der Praxis gibt es zwar einheitliche Lehrpläne und Vorgaben, die jedoch individuell unterrichtet werden. Seitenkommentare, eigene Interpretationen von Lehrenden, sowie die eigenen Filter färben allerdings die angekommenen Lehrinhalte.
Die Ausbildung kann komplex und fundiert sein. Sie allein garantiert nicht, dass die Leute tatsächlich auch wissen, was sie tun, oder ihre Arbeit gut machen.

Zweifellos, es gibt auch viele von den „Guten“ – die feiere ich.

Das Abschließen einer bestimmten Ausbildung bedeutet aber nicht, dass die Absolventen alles wissen, was sie wissen sollten, für das was sie tun.
Vielmehr gibt es oft detaillierteres Wissen in Selbsthilfegruppen zu finden, wo sich Menschen autodidaktisch, aus eigenem Antrieb zu einem bestimmten Thema gebildet und Kompetenzen angeeignet haben. Und die geben dann teils viel fundiertere, bessere Anregungen als die Studierten.
Meist kommen die Anregungen ursprünglich von Fachleuten, die sich in die Forschung gekniet und Erfolge mit der Anwendung ihrer Erkenntnisse haben. Um dann die Informationsbedürftigen nicht im Stich zu lassen, bis die Neuigkeit auch in den letzten Praxen angekommen ist, schreiben sie oft Bücher mit ihren Empfehlungen in leicht verständlicher Form. Wer sich davon inspiriert zu einem Thema umfassend informiert, hat zum Teil innerhalb weniger Monate umfassendes Wissen zu einem Teilbereich, das dem von vielen Spezialisten in dem bestimmten Teilbereich überlegen ist. Die Spezialisten müssen im Studium viele verschiedene Bereiche abdecken, und Details werden teils auch wieder vergessen oder schlicht nicht durchgenommen. So ist zum Beispiel Ernährunslehre ein Stiefkind des Medizinstudiums.

Darum haben Fachleute bei Detailfragen leider nicht immer – manchmal sehr wohl!! – die auf sie projizierte Verlässlichkeit.

Beispiele sind GynäkologInnen, die hormonelle Verhütungsmttel als harmlos darstellen, obwohl inzwischen die Risiken fraglos belegt sind. Die nicht über die Funktionsweise von Kupferbasierten Verhütungsmittel und deren Funktionsweise wie Risiken informieren (können), und die sympto-thermale Methode so sicher wie Beten einstufen.
Was mir passiert ist: Krankenschwestern mit Zusatzausbildung als Stillberaterinnen, weil sie sich nicht ausreichend informiert fühlten, um Müttern helfen zu können. Die mir dann trotzdem nicht mehr sagen konnten als mein Kind zum weiten Öffnen des Mundes zu animieren. Dass unsere Probleme an einer künstlich herbeigeführten Saugverwirrung gelegen haben, durfte ich selbst herausfinden. Monate später, als nichts mehr gut zu machen war.
Stillberaterinnen, die nicht an die anregende Wirkung von Nahrungsmitteln zur Milchproduktion glauben, obwohl manchen Frauen nach bestimmten Dingen fast die Hupen explodieren. Und somit die Selbsteinschätzung von Frauen in Frage stellen.
Haus- wie Fachärzte, die schlechte Blutbefunde als normal bezeichnen und leidende Menschen als gesund abgestempelt nach Hause schicken. Die wechselwirkende Medikamente oder schlicht falsche verordnen und damit Menschen töten.

Diese Beispiele lassen sich auf jeden beliebigen Bereich ausweiten!

Es gibt immer nur einzelne, die ihren Job gut machen. Jedes Berufsbild hat auch Vertreter, die es schlecht aussehen lassen. An wen der Laie im Fall gerät, zeigt sich oft erst hinterher.
In Selbsthilfe-Gruppen kann Mithilfe einzelner engagierter Menschen, sowie des Schwarmwissens, sehr viel Schaden abgewandt und Anregungen gegeben werden.

Welche, die auch tatsächlich funktionieren!

Was fast noch schlimmer ist: oft können dort Vorgänge richtig und verständlich erklärt werden, die Professionelle im Detail nicht kennen oder keine Zeit/Lust für Erklärungen haben. Dauernd werden die Aussagen und Interpretationen von Fachärzten widerlegt! Wenn ich mir allein ansehe, wie Endokrinologen bei Schilddrüsenwerten nicht genau untersuchen, und dann am Zahnfleisch kriechende Leuten sagen, sie wären gesund, werde ich wütend!
Halten sich die Menschen an gut belegte und selbst überprüfte Empfehlungen aus Selbsthilfegruppen, geht es ihnen dafür oft besser.

Das gilt keineswegs für alle Empfehlungen.

Oft wird auch einfach begeistert von Neulingen oder oberflächlich Belesenen mit Begriffen und Methoden um sich geworfen, die nicht immer den gewünschten Erfolg bringen. MMS, Natron, kolloidales Silber, CBD-Öl,… Das sind die angeblichen Allesheiler. Richtig eingesetzt mag das stimmen. Falsch eingesetzt verpufft die Wirkung bestenfalls. Schlimmstenfalls wird Schaden angerichtet.
In einer Selbsthilfegruppe ist jedoch glücklicherweise auch klar, dass alles auf eigenes Risiko läuft.

Was es immer tut, weil wir immer die Konsequenzen tragen!

Maximal etwas Schmerzensgeld springt direkt für Opfer heraus, wenn jemand was versaut, egal welches Studium absolviert wurde!!

Bitte mach dir das klar!

Deswegen finde ich es überhaupt nicht verwerflich, wenn jemand ohne irgendeinen Wisch etwas anbietet, wovon er oder sie Ahnung zu haben glaubt, solange keine falschen Tatsachen vorgetäuscht werden! Damit meine ich, es muss unmissverständlich klar sein, dass keine Qualifikationsnachweise vorhanden sind. Dabei unterstelle ich natürlich selbst initiierte Maßnahmen zur Qualitätssicherung.
Oft geht es im Übrigen auch darum, dass die Menschen etwas freundliche Aufmerksamkeit brauchen. Ein liebes Wort von jemandem der tatsächlich zuhört. Sie sind bereit, dafür auch Geld zu zahlen.
(Gesprächs-Therapie z.B., wobei je nach Zustand des Patienten bestimmte Kompetenzen dringend vorhanden sein sollten. Kompetenzen. Das ist nicht gleichbedeutend mit anerkannten Qualifikationen.)

Warum sollten sie nicht?

Und ergänzend dazu bekommen sie hoffentlich noch Input, der ihnen tatsächlich weiterhilft!
Ich gehe inzwischen wenn überhaupt, dann eher zum Arzt, damit ich mir meine Diagnosen bestätigen lassen kann. Die Behandlungsmöglichkeiten recherchiere ich selbst, weil ich selten etwas mit den Empfehlungen anfangen kann.
Dabei wird mir oft erzählt alles gut, alles normal, man findet nix. Aber ich kann Schmerzmittel und Antibiotika nehmen, ergänzend gäbe es noch Homöopathie. Oder was dann auch immer.

Bis ich dann genug (Fach-)Leute gefragt habe dass rauskommt, meine Vermutung stimmt.

Oder ich lerne ein neues Symptombild kennen, das ich nur mit Glück gefunden habe.
Wenn ich jetzt also ohne Wisch in den für mich relevanten Teilbereichen scheinbar mehr anwendbares Wissen habe als Ärzte, na dann frage ich mich wozu ich meine Ressourcen in ein Studium oder eine teure Ausbildung investieren sollte. Lieber bilde ich mich frei und kontinuierlich weiter, und versuche, dabei auch den Stand des Studiums für den betreffenden Bereich zu erreichen oder übertreffen.

Kompetenzen
Quelle: Pexels.com

Momentan bin ich noch zufrieden mit dem, was ich außerhalb lernen kann. Aktuell besteht kein Bedarf, eine Berechtigung zu erwerben um Medikamente zu verschreiben oder Operationen durchzuführen. Auch wenn ich vieles wirklich spannend und interessant finde. Ein Praktikum in bestimmten Sparten würde mir Herzchen in die Augen zaubern.
Aber noch sind die Kinder klein. Deshalb bleibe ich mal bei meinen Leisten und sauge auf, was mir sonst zufließt.

Ich gebe gern weiter, was ich lerne und verstehe.

Am liebsten hauptberuflich und verschenkt, weil es meine Leidenschaft ist und ich Sinn darin sehe. Meine Berufung als Hobby ginge schon auch, aber ich könnte sie dann nicht so gut erfüllen. Mein Brotjob würde Zeit und Energie fressen, die ich in Weiterbildung und Menschen die etwas von mir wollen stecken könnte.

Ich muss natürlich mit Formulierungen vosichtig sein.

Da ich jedoch nicht die Illusion vermitteln will, irgendeine Art Verantwortung abnehmen zu können, passt das für mich auch gut. Ich bin weder Beraterin noch irgendeine Form on Autorität. Ich stelle lediglich eine Auswahl von Information und Inspiration zur Verfügung.

Alles passiert komplett eigenverantwortlich.

Tja und damit ich das auch wirklich machen kann, in der Qualität und dem Ausmaß das mir angemessen scheint, brauche ich Kohle.
Ich finde es kacke, wenn vor allem ideelle Leistungen an fixe Entgelte geknüpft werden. Wer es sich nicht leisten kann, hat eben Pech. Damit habe ich ein deutlich größeres Problem, als wenn sich Leute ohne Nachweis von Qualifikationen oder Kompetenzen Coach nennen.
Das ist gegen meine Utopie, in der wir von Herzen geben, was wir haben bzw. was angemessen scheint.

Weil wir den Wert des Empfangenen sehen und schätzen.

Und was wir nicht schätzen, nehmen wir eben nicht in Anspruch.
Wenn ich für zwischenmenschliche Nähe, Aufmerksamkeit, Wissen, bezahlen muss, sträubt sich etwas in mir. Ich muss mir dann Liebe erkaufen.
Teils von dem wenigen, was ich habe. Hätte ich viel, bräuchte ich vielleicht garkeine Hilfe.
Das will ich nicht. Das fühlt sich nicht gut an.
Tobi Rosswög von living utopia sprach mir, als ich am Zweifeln war, aus der Seele – es ist monetäre Gewalt.

Wir haben ein Recht, beschenkt zu werden.

Wir haben ein Recht auf Hilfestellung, sofern wir bereit sind sie auch wirklich zu nutzen, unsere Verantwortung zu tragen. Niemand sollte betteln müssen, um so grundlegende Unterstüzung zu bekommen. Die ja an sich schon oft unglaublich schwer zu finden ist. Daher stimme ich Tobi zu.

Ich halte es für monetäre Gewalt, eine Leistung an feste Gegenleistung zu knüpfen.

Wenn ich genug habe für mich und dich, und du hast nicht genug für dich selbst, dann sollte ich dir geben, was du brauchst. So einfach ist das.
Wenn wir beide nicht viel haben, aber ich ein bisschen hiervon und du ein bisschen davon, dann lass uns tauschen. Wie es eben grade passt.

Wird mir etwas geschenkt, schätze ich es um so mehr.

Und um so lieber feiere ich dann mit (z.B. Geld-)Geschenken an sie oder manchmal auch andere, wie sehr ich mich über das Geschenk an mich freue.

Wie jetzt, an andere?

Da ich manchmal im Mangel bin oder allgemein nichts direkt zurückgeben kann, weil ich vielleicht nichts außer Dankbarkeit und Wertschätzung habe, was tatsächlich auch nutzen würde, halte ich nicht mehr panisch an direkter Gegenleistung fest. Ich übe mich in freiem Geben und Annehmen.
In längerfristigen Beziehungen wie Nachbarschaften ist es wichitg, dass ein gewisses Gleichgewicht vorhanden ist. In den weitläufigeren Beziehungen gleicht sich das oft von selbst aus.

Ich gebe an einer Stelle, an der anderen wird mir gegeben.

Das ist mein Geschäftsmodell. Das ich für viel nachhaltiger halte, als nun noch eine Ausbildung zu absolvieren, mich und meine Familie damit zu stressen, finanziell zu belasten, nur, um dann sagen zu können „Hallo, ich bin qualifiziert und habe nachgeweisenermaßen diese und jene Kompetenzen.“
Um dann erst wieder Fehler zu machen, weil ich menschlich bin. Oder weil … TROMMELWIRBEL …. ich in der Ausbildung nicht alles gelernt habe, alle Kompetenzen erwerben konnte die ich bräuchte um meinen Beruf gut ausüben zu können! Das beste daran ist, wenn ich Mist verzapfe braucht niemand mir etwas dafür zu geben! Weil sowieso niemand muss!

Helfen kann ich jetzt schon Leuten.

Das weiß ich, weil ich viele positive Rückmeldungen bekomme.
Lieber lerne ich also frei, und eigene mir in meinem Tempo, meinem Setting, die Kompetenzen an, die ich für meine Arbeit brauche. Für alles andere verweise ich dann an die, die gelernt haben was ich nicht kann. So bin ich eine größere Bereicherung für die Gesellschaft, als würde ich einem anerkannten Studium nachgehen.

Oft wünsche ich mir allerdings mehr Bildungsmöglichkeiten ohne langfristige Verpflichtung.

In welchem Bereich wünschst du dir mehr solche Öffnungen? Und welche Möglichkeiten zur freien Bildung kennst du schon?
Bei welchen Berufsbildern hältst du unser derzeitiges System für optimal?
Wie könnte man bestehende Ausbildungswege anpassen, um die Qualität der vergebenen Qualifikationen zu gewährleisten? Während der Erwerb von Kompetenzen allgemein vielleicht sogar leichter zugänglich wird?

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Hier schreibt Mira. Hauptberuflich Lebenskünstlerin mit Fokus auf Heilkunde und Mutterschaft.

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