Urlaub in Kroatien – Front oder Strand?

Der Twitter-User SiMack benutzt das Wort „Urlauber“ ganz anders, als ich es gewohnt bin. Er fühlt sich auch beim Anblick von Reisebussen nicht wohl. Das hat damit zu tun, dass er in Kroatien an der Front war. In einem Krieg, der noch keine 30 Jahre her ist.

Nach Kroatien fuhr man in meiner Welt, wenn man ans Meer wollte.

Ich habe in der Schule nichts über diesen Konflikt gelernt. Steht nicht im Lehrplan.
Dabei grenzte Jugoslawien direkt an Österreich an! Das heutige Slowenien war Teil davon! Und ja verdammt, das musste ich jetzt erst recherchieren, weil ich es nicht wusste!
Ich hatte lange keine Ahnung, warum die „Jugos“ bei uns sind. Dass sie so gebrochen Deutsch sprachen, weil sie quasi gerade erst angekommen waren. Ich wusste lange nicht, dass manche Freunde in meinem Alter nicht hier geboren wurden, sondern als Kinder geflüchtet sind und sich auch an die Flucht erinnern.

So nah dran sind wir noch an diesem Krieg!

Und es ist große Scheiße, dass wir darüber so wenig wissen! Weil wir nicht nur aus dem zweiten Weltkrieg, sondern auch aus dem Jugoslawien-Krieg lernen könnten.

Da gäbe es Menschen, mit denen wir JETZT reden können, um besser zu verstehen, was damals passiert ist, und gerade wieder passiert.

Darum war ich sehr dankbar für SiMacks Schilderungen. Er hat mir sogar erlaubt, seine Geschichte hier zu teilen.

Heute vor 25 Jahren endete für mich mein Soldaten-Dasein in der kroatischen Armee. Eine Granate sorgte dafür, dass ich in den darauf folgenden 32 Monaten in diversen Krankenhäusern viel Zeit hatte um über Krieg, Kroatien, Patriotismus, Heimat, Nationalismus und Hass nachzudenken.

Am 30.08.1993 wurde meine Einheit losgeschickt um eine Gruppe kroatischer Urlaubskrieger aus einer misslichen Lage herauszuholen.

Urlaubskrieger waren Kroaten, die in Deutschland lebten und an Wochenenden oder in ihrem Urlaub nach Kroatien kamen, um Krieg zu spielen.

Wie mir Jahre später erzählt wurde, handelte es sich bei „meiner“ Gruppe um Urlaubskrieger aus dem Großraum München, zusammengesetzt aus patriotischen Kroaten und ein paar Deutschen und Österreichern. Alle ohne militärische Erfahrung oder Ausbildung.

Kroatien

In der Regel lief es so ab, dass solche Hobby-Krieger kurz nach der Grenze Waffen erhielten und dann an die Front fuhren. Im August 93 war es in der Region, in der ich stationiert gewesen bin, relativ ruhig. Es gab Zwischenfälle, aber die waren verglichen mit davor sehr selten.

Dass wir nicht abgezogen und in stark umkämpfte Gebiete versetzt wurden, konnten wir unseren Kommandeuren verdanken.

Auf beiden Seiten waren es größtenteils ExYu-Armeeoffiziere, die sich kannten, zum Teil befreundet oder verwandt waren. Es gab Absprachen mit der Gegenseite.

Damit es so aussah, dass es immer noch wichtig ist, Kampf-Einheiten nicht abzuziehen, schossen wir ab und zu ein paar Granaten über serbische Stellungen auf geräumtes Gebiet und die taten dasselbe.

Keine Toten, keine Verletzten aber trotzdem Krieg.

Probleme kamen mit den Urlaubskriegern. Die kamen voller Enthusiasmus und wollten unbedingt Krieg. Ihre „Anführer“ hielten sich an keine Absprachen. So wie auch meine Gruppe. Sie wollten einen Ort im Hinterland von Zadar wieder von den Serben zurückerobern.

Das Ergebnis: Von 30 Urlaubern, starben 3 und der Rest war umzingelt von serbischen Soldaten. Also wurden wir und 2 weitere Einheiten losgeschickt um sie wieder herausrauszuholen. Am 30.08.93 um 11:00 Uhr fuhren wir von Zadar los. Laut meinem Soldbuch endete mein Krieg um 23:59 Uhr.

Ob die Uhrzeit stimmt, weiß ich nicht.

Kann mich nur noch an wenig erinnern und weiß im Grunde nur Dinge, die mir später erzählt wurden, oder die ich selbst recherchiert habe. Auch musste ich erst wieder in kleinen Schritten mein Leben vor dem Krieg in mein Bewusstsein zurückholen.
Heute gehe ich nie vor 23:59 Uhr schlafen.

Der Gedanke, nicht an dem Tag schlafen zu gehen, an dem man aufgestanden ist, ist auch so ein Überbleibsel.

Damals lebte man so automatisch einen Tag länger. Ich kriege das irgendwie nicht los.
Was noch geblieben ist, ich frage heute nie nach einem Namen. Habe es mir in den 90ern abgewöhnt, weil ich irgendwann nicht mehr wissen wollte wie die, die es nicht geschafft haben heißen. Ein Hirnklempner meinte, das hätte etwas mit Verlustangst zu tun. Na dann.

Um noch mal auf die Urlauber zurückzukommen –

Ihr wart keine Helden!

Ihr seid es auch heute nicht! Wenn ich könnte, würde ich jedem von Euch am liebsten eine in die Fresse hauen. Wir hatten jedes Wochenende Angst vor Euch. Ich fühle mich heute noch unwohl, wenn ich Reisebusse sehe.

Auch Ihr Patrioten, die ihr den Krieg im TV in Deutschland verfolgt habt und gerne kommen wolltet, aber nicht konntet, weil „…“, aber dafür so viel Geld gesammelt habt und davon die Bewaffnung erst ermöglicht habt:

Fickt Euch! Ohne Euch wäre im Januar 1992 alles vorbei gewesen.

Viele Kroaten aus meinem Umfeld besuchten mich während und nach meiner Krankenhauszeit. Sie fragten mich die seltsamsten Sachen über Lagerfeuerromantik usw. Die gibt’s nicht! Alles in dieser Zeit war scheiße! Wenn man sich vor Angst in die Hose macht, ist es nicht romantisch.

Man schämt sich dafür, auch wenn der Gestank einem sagt, dass man nicht der einzige mit vollen Hosen ist.

Auch singt man in einem Loch liegend keine Lieder, weil man sich gerade als Patriot fühlt, sondern eher, weil einem keine Gebete mehr einfallen.

Mein Vater besuchte mich regelmäßig, während ich Soldat gewesen bin. Er brachte mir jedes Mal eine Tafel Kinderschokolade mit und eine Cola-Dose. Eine Cola teilte ich mir auf mehrere Tage auf, immer nur einen kleinen Schluck.

Die Schokolade hätte ich mit allen Mitteln verteidigt.

Vor ein paar Jahren sagte mir ein stolzer Kroate: „Was? Du isst kein Fleisch? Du bist kein echter Kroate!“ Ich hatte von 91-93 immer wieder mal Tage mit längerem Fronteinsatz. Feuer machen um zu Grillen war nicht um nicht gesehen zu werden. Man aß, was man erwischen konnte, roh.

Diesen Ekel kann ich nicht mehr vergessen.

Ich bin kein überzeugter Vegetarier, aber ich habe seit 25 Jahren kein Fleisch mehr gegessen. Und dann kommt so ein Typ im Kroatien-Trikot, der damals Geld für Waffen gesammelt hatte und erzählt einem, wer Kroate ist und wer nicht.

Dass ich kein Kroate bin, sondern Serbe oder mindestens ein Vaterlandsverräter, höre/lese ich meistens, wenn ich davon erzähle, wie beschissen ich diesen Krieg fand. 47 Fronteinsätze, 23 Ehrungen, 82 cm Narben und 32 Monate Krankenhaus, und Kroaten nennen mich Verräter.

Warum schreibe ich das? Zum einen, darum.

Zum anderen, in Kroatien fing alles mit einer Partei an, über die sich zuerst viele aufregten. Anfangs lag sie in den Städten bei knapp 15%, auf dem Land bei 30%. Durch Hass und Hetze wurde sie immer stärker. Und dann hatten wir Krieg!

Frage in den Kommentaren: Was ist Dein Fazit daraus?

Gute Frage. Erst kürzlich hat mich ein Bekannter gefragt was ich tun würde, wenn es wieder zu einem Krieg kommen würde. Meine ersten Schritte nach meiner Genesung waren in einem Gym. Ich hatte im Kopf, ich müsste schnell wieder fit werden, falls es weiter geht.

Konversation in den Kommentaren: Vielen Dank für das Schildern der Erfahrungen und die Warnung! Eine Nachfrage: Sie haben das Aufkommen einer nationalistischen Partei, die letztlich zu Krieg geführt hat, in Kroatien miterlebt. Sie kennen die heutige Situation in Deutschland. Wie groß sind die Parallelen?
Sind wir heute tatsächlich schon auf einem ähnlichen Weg? Haben sie Angst, vor einer ähnlichen Entwicklung wie damals? Wie groß schätzen Sie die Gefahr hierfür ein? Wie gerne würde ich mit Deutschen von 1930 reden und sie fragen, ob das alles damals genauso angefangen hat.
Eine ehrliche Antwort: Ja ich habe Angst. Mir kommt es teilweise so vor als hätte jemand meinen alten Film neu aufgelegt. Es sind exakt die selben Methoden, die selben Sätze, das selbe Tun was die AfD heute macht. Es fängt mit Kleinigkeiten an wie Wählerumfragen auszuschlachten.

Das, was gerade im Osten der Republik mit Hetzjagd auf Menschen stattfindet und Neonazimärschen, hatten wir auch. Erst in kleiner Form, dann gewaltig.

Kennst du das Buch „Ich geh jetzt Rambo spielen“? Es handelt von einem (mittlerweile Ex) Neonazi aus Ö, der nach HR gegangen ist, um gegen die Bosniaken zu kämpfen. Hat dann einen Sinneswandel durchlebt als sie einen alten Mann lebendig angezündet haben. Ist sehr gut geschrieben!
Das Buch habe ich nicht gelesen, aber damals zahllose von diesen Typen getroffen. Ganze Kompanien aus Deutschland in SS Uniformen und Hakenkreuzbinden. Wenn so Typen im Nachhinein ein Buch schreiben um Getanes zu verarbeiten habe ich da wenig Ambitionen, deren „Leid“ zu erfahren.
Meine ehemalige Französisch-Lehrerin war zu der Zeit auf Interrail und hat auch lauter Neonazis auf dem Weg nach HR gesehen. Ich finde die Geschichte insofern gut, weil er aufgehört, aber mit seiner Uniform noch Zugang zu Medikamenten hatte und die Leute versorgt hat. Oder Fotos nach Österreich geschmuggelt hat, weil ja niemand über die Zustände Bescheid wusste. Außerdem hatte er die KZ-Inhaftierten während seiner Aufsicht mit Nahrung versorgt. Wie gesagt, finde die Aussage des Buchs spannend, aber wenn man für solche Leute nichts übrig hat, versteh ichs..
[… Im Lehrplan für Österreichische Schulen] steht [das] also nicht explizit drinnen, was schade ist, weil Srebrenica das größte Kriegsverbrechen seit Ende des 2. Weltkrieg ist. Wenn man den Krieg genauer betrachtet, wiederholt sich sehr viel von früher, und dass man das nicht aufgreift, ist bezeichnend.
Hier endet der Timeline-Auszug.

Interesse geweckt?

In Zadar, Kroatien, fand am 2. Mai 1991 das wahrscheinlich jüngste Pogrom Europas statt. Wissen wir wenige Kilometer weiter schon nicht mehr. Angeblich haben wir ja in Europa seit dem 2. Weltkrieg Frieden. SiMack schreibt *hier* darüber. Auch die Diskussionen unter dem Thread sind interessant!
 
 Bitte machen wir uns gemeinsam wieder bewusst, dass wir noch immer Nazis haben. Dass sie nie weg waren. Dass wir sie auch nicht mehr zurück in den Untergrund drängen dürfen, sondern das Gespräch mit ihnen suchen müssen. Dass wir ihre teils berechtigten Sorgen ernst nehmen müssen. Dass sie Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen sind, so wie eben wir alle. Und dass wir das anerkennen müssen, um eine konstruktive Gesprächsbasis zu finden.
 

Was möglich ist.

 
Marshall B. Rosenberg ist einer von denen, die es vorgemacht haben.

Lasst uns Nazi-Versteher werden.

 

 

 

 

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Hier schreibt Mira. Hauptberuflich Lebenskünstlerin mit Fokus auf Heilkunde und Mutterschaft.

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