Politisch korrekt? Bericht aus dem Rassismus-Dschungel

Warnung: Im Beitrag schreibe ich zum Zweck der Begriffsklärung Wörter aus, die für bestimmte ethnische Gruppen beleidigend sind.

Tip: Bevor du deine Energie in Aufklärung bezüglich (unwissentlicher) Reproduktion von rassistischen Weltbildern steckst, lies bitte aufmerksam und bis zum Ende.

Wenn Menschen aufeinander losgehen, passiert das nicht selten wegen mangelnder politischer Korrektheit.

Heute gilt vieles als rassistisch, was arglose Bürger für sauberen Wortschatz halten. Das liegt daran, dass unser kolonialistisches Erbe und die damit überlieferten Klassifizierungen in unserer Sprache weiter leben. Im Rassismus ist es neben vielen anderen Faktoren z.B. wichtig, ob jemand überhaupt die Macht hat, die Eigenbezeichnung mitzubestimmen. Ist das nicht möglich, liegt ein Machtgefälle vor, zu Ungunsten der Fremdbezeichneten.
Ich persönlich definiere Rassismus als festklammern an Unterschieden in Sprache und Umgang mit Menschen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten ‚Rasse‘, was an sich schon ein schwieriger Begriff ist.

Die Notwendigkeit der bewussten Nutzung von Sprache im Alltag ist schon so weit ins Bewusstsein vorgedrungen, dass sogar darüber gestritten wird, wo Rassismus beginnt.

Das ist großartig!

Denn während es für den Alltag der meisten Menschen ziemlich egal ist, ob es nun richtig ‚Inuit‘ oder ‚Ureinwohner der Arktis‘ heißt, und die besprochene ethnische Gruppe wahrscheinlich nie davon erfahren wird, wie sie in einer Diskussion unter Deutschen genannt wird, ist es doch sinnvoll, auf unsere Wortwahl zu achten. ‚Eskimo‘ bedeutet angeblich Roh(fleisch)esser, und gilt als eher abwertend. Der Begriff wird schließlich nicht für roh Essende angewandt, sondern um eine ethnische Gruppe Menschen zu bezeichnen, die viel mehr sind als nur das, was ihren Speiseplan ausmacht. Oder oft auch nur einen Teil des Speiseplans ihrer Vorfahren.

Wenn nicht falsch übersetzt wurde, und es doch ‚Schneeschuhknüpfer‘ bedeutet.

Bei Menschen mit stärker pigmentierter Haut wäre das mit ähnlich abwertend und negativ geprägten Begriffen wie ‚Bimbo‘ oder ‚Neger‘ vergleichbar. Das Bewusstsein für diese Wortherkünfte oder Prägungen ist aber oft nicht vorhanden. Denn zugegeben, wie oft unterhalten wir uns über die Ureinwohner der Arktis?
‚Indianer‘ war zum Beispiel noch nie politisch korrekt. Die Bezeichnung stammt, wie wir in der Schule vielleicht gelernt haben daher, dass Christopher Columbus dachte, er wäre in Indien, als er in Nordamerika anlegte. Die Menschen dort hatten auch braune Haut und schwarze Haare.

Musste wohl stimmen.

Als dann klar wurde, dass das eben keine ‚Indians‘ bzw. ‚Indianer‘ waren, hatten die Siedler sich schon an die Bezeichnung gewöhnt, und hielten es nicht für nötig sie noch zu ändern. Das ist Rassismus aus Ignoranz. Die ethnische Gruppe der nordamerikanischen Ureinwohner wird oft heute noch ‚Indianer‘ genannt, was man kurios, lustig finden könnte, ginge es nur um Columbus‘ Irrtum.

Der Begriff erinnert historisch Informierte jedoch auch an all das Leid, das durch den menschenverachtenden Umgang der Siedler über die Ureinwohner hereinbrach.

Im englischen Sprachraum wird von politisch Korrekten daher inzwischen gerne der Begriff ‚Native American‘ benutzt, um diese ethnische Gruppe im alltäglichen Sprachgebrauch zu achten.

Bei mir in der Nähe gibt es inzwischen auch die Roma-Siedlung anstatt der Zigeuner-Siedlung. Dabei könnten dort eigentlich auch Sinti gelebt haben. Und vielleicht identifizieren sich die dort Wohnenden überhaupt nicht mit ihren Wurzeln. Oder sie haben garkeine Wurzeln des fahrenden Volkes?

Und überhaupt, ist es nicht gemein, sich über das einst fahrende Volk lustig zu machen, das nun seine Traditionen weitgehend aufgegeben hat und sesshaft wurde?

Dann wird aus politischen Gründen alles ’schwarz‘ genannt, wo Menschen auch nur annähernd dunklere Haut oder sonstwie typische Merkmale der schwarzafrikanischen Bevölkerung teilt. Das ist aktuell scheinbar die selbstgewählte Bezeichnung der Gemeinschaft, die ich auch gerne verwende.
‚Braun‘ gibt es im Kontext nicht, auch wenn die Haut oft eher nach Milchkaffee aussieht. Es geht nämlich im Zusammenhang nicht um biologische Faktoren, sondern eine ethnische Zugehörigkeit. Das bedeutet, dass ich mich inzwischen auch schwarz nennen dürfte. (In der Praxis würde ich oft dafür ausgelacht oder angegangen werden.)
Alternativ dazu habe ich neulich auch noch ‚melanated‘ (Englisch) anstatt dunkelhäutig gelernt. In etwa also ‚Menschen mit stärker pigmentierter Haut‘. ‚People of Colour‘, abgekürzt PoC, gibt es auch als Ausdruck, was zu Deutsch ‚Farbige‘ wären. ‚Farbige‘ ist politisch gesehen ‚Neger-Light‘, und wird mit einer Klassifizierung, das bedeutet dem unterscheiden zwischen Wertigkeiten, in Verbindung gebracht.
Naives benennen nach der Farbpalette ist also keine gute Idee. Wurde ich vor wenigen Jahren eher unfreundlich von Weißen aufgeklärt 😀

Es ist gelinde gesagt verwirrend.

Ich bin weiß, über die Hälfte meiner Familie nicht. Sie spüren kaum was von den Leuten, die die richtigen Begriffe wählen wollen.
Individuen sind auch von den Bemühungen mancher, nun den richtigen Begriff zu wählen, genervt.
Wer wusste übrigens, dass ‚Dschungel‘ auch nicht politisch korrekt ist? Schließlich bezeichnet er ‚Wald‘, der aber anders ist als der Wald von Weißen. Sehen manche so, weswegen wir wohl besser tropischer Urwald sagen, wenn wir keinen Stress wollen. Habe ich für den Titel übrigens absichtlich gewählt.

Den Rassismus spüren sie.

Die Ausgrenzung.
Die Andersartigkeit.
Das Misstrauen.

Das lässt sich auch nicht weg waschen durch schöne Begriffe auf die man sich geeinigt hat.

Oder wenn ‚der Schwarze‘ in Österreich ein Bier kriegt, anstatt beschimpft zu werden. Weil er schwarz ist. Das ist keine Gleihcberechtigung.
Es ist auch Rassismus, wenn die ‚Quoten-Schwarze‘ in Südafrika sich im Job viel mehr rausnehmen kann als die weißen Kollegen. Auch der siebenhundertste Small-Talk-Partner, der nach (wenn überhaupt) drei Minuten freundlich interessiert nach der familiären Historie fragt, und woher man eigentlich kommt, geht einigen auf die Nerven. Gerade, wenn man schon da geboren ist, wo man gerade ist, und den lokalen Dialekt spricht. Weil man damit, und keiner anderen Kultur, aufgewachsen ist.

Vor allem Bezeichnugen wie ‚Bimbo‘ fallen natürlich unangenehm auf, wie uns auch ‚Arschloch‘ auffallen würde.

‚Neger‘ hat eigentlich die gleiche Bedeutung wie ‚Schwarzer‘, es leitet sich vom lateinischen Wort für schwarz, nämlich ’niger‘. ‚Nigger‘ ist ebenfalls eine Abwandlung davon, und wurde wie ‚Neger‘ bei uns in Nordamerika abwertend benutzt. Die dunkelhäutige Bevölkerung hat den Begriff mir unverständlicherweise übernommen, und noch heute nennen coole Gangster sich gegenseitig liebevoll ‚ma Nigga‘, während sie sich gegen Rassismus wehren. Sie beanspruchen das Wort jetzt für sich und sagen, wenigstens das gehört jetzt uns. Nur uns.
Andere ehren ihre Wurzeln, indem sie aktiv das Image ihrer ethnischen Gruppe mitgestalten. So auch die Black Community in Oberösterreich. Halte ich für deutlich sinnvoller und zielführender.

Darum Danke dafür, ihr leistet ganz großartige Arbeit!

Denn so wie Frauen auch spüren, dass sie weiterhin weniger Lohn bekommen, obwohl jetzt überall auch die weibliche Form gesagt werden muss, bekommen ethnische Minderheiten die Vorurteile und daraus entstehende Nachteile und den Rassismus so lange zu spüren, wie sie existieren.
Wenn es unmissverständlichen Respekt und Gleichwertigkeit zwischen Menschen gibt, werden begriffliche Patzer gerne Verziehen. Doch Sprache schafft Wirklichkeit, und wie wir welche Worte benutzen ist die Reflektion absolut wert. Nur reicht es nicht aus, sich an Begriffen aufzuhängen, sondern es braucht echten Respekt in der Haltung, der sich dann in den Worten widerspiegelt.
Während auch andere gesellschaftspolitische Themen weiter im Fokus bleiben und diskutiert werden können, ohne von Gender-Regeln und Ansprüchen politischer Korrektheit erschlagen werden. Dafür wage ich sogar in Erwägung zu ziehen, dass es manchmal sinnvoller wäre, sich auf Inhalte denn Worte zu konzentrieren, um den Dialog aufrecht zu halten.

Freundliches, kurz gehaltenes Aufklären führt oft auch viel weiter, als sich ob der Ignoranz zu echauffieren.

Rassismus
Quelle: Pexels.com

Denn oft haben Menschen, die einen ungünstigen Begriff benutzen einfach keine Ahnung, dass der Begriff negativ geprägt ist.

Wirklich nicht. Das ist für viele neu!

Da die verschiedenen politischen Themen im Alltag so wenig Raum einnehmen, dass sie seltenst mit der Frage in Berührung kommen, ob ‚Inuit‘ eigentlich wirklich alle arktischen Ureinwohner einschließt. Hab ich selbst gerade erst gelernt! Warum sollten wir uns diese Unwissenheit also vorwerfen? ‚Inuit‘ galt ja schon lange als das politisch korrekte Wort, lange sagten die meisten noch ‚Eskimo‘. Ich war mir nicht bewusst, dass nun auch die fälschliche Nutzung des Wortes ‚Inuit‘ als Rassismus gilt.

Dazu sind wir Weißen garnicht die einzigen Rassisten.

Auch der (viel größere) Rest der Welt findet neutrale Bezeichnungen wie ‚Faraang‘, abgeleitet von ‚Francaise‘, der Kolonialmacht in Thailand, oder schmeichellosere Worte wie Weißbrot, Langnase, Bleichgesicht und Langschwein. Sogar Schwitzer oder Stinker werden wir angeblich genannt.
Nur wird uns Weiße das vermutlich nie so heftig treffen wie die ethnischen Gruppen, die unsere Vorfahren unterdrückt haben. Und die wir weiter unterdrücken. Vor allem durch unser Konsumverhalten.

Schließlich sind wir die ‚Herrenrasse‘, nicht?

Wir sind reich und gebildet. Oder jedenfalls mehr als alle anderen. Die eigentlich nur existieren, um uns mit ihrer andersartigen Kultur zu unterhalten, oder unsere Alltagsgüter herzustellen. Da fällt es natürlich leicht, sich dann auch ein Herz für die armen, kleinen, verhungernden Kinder mit den großen, dunklen Augen zu fassen. Initiativen für die rückständige Bevölkerung Afrikas oder Asiens zu unterstützen, die ohne uns selbstverständlich nicht in der Lage wären, ihr Überleben zu sichern. So wie wir auch gern Tiere retten.
Natürlich brauchen wir unterm Strich etwas Distanz. Denn wenn der schwarze Mann kommt, hat zwar niemand Angst, aber alle laufen davon. Wer will schon seine Sozialpro(b)jekte im Haus haben?

Wir fühlen uns überlegen. Ob nun bewusst oder unbewusst.

Solches Gedankengut ist in unserer Gesellschaft verankert. Es wird uns von klein auf eingetrichtert, unterbewusst lernen wir, dass wir überlegen sind. Und wer sich bedroht fühlt oder leidet, gibt auch gerne den Schmerz an Schwächere weiter. So kommt es, dass dann als lustiger Scherz für alle Weißen Bananen aufs Spielfeld geworfen werden, wenn Spieler mit starker Pigmentation einlaufen.
Entsprechend pietätlos ist es von H&M, wenn ein dunkelhäutiges Kind mit einem Affenpullover im Katalog abgebildet wird.

Hätte er nicht einfach Tiger sein können?

Es ist wichtig, in solchen Situationen einzuschreiten und sich klar zu positionieren. Doch Debatten über die Feinheiten des Sprachgebrauchs fordern dann viel Zeit und Energie, wenn wir alle uns darüber austauschen, welche Begriffe denn nun noch brauchbar sind.
Es gibt zwar die Eigenbezeichnungen, aber erstens kennen wir die selten, zweitens gibt es davon sehr viele, und eine genaue Zuordnung ist nicht immer möglich. Andererseits wollen die wenigsten den Rassismus im Alltag fortführen. Und fragen sich dann ehrlich bemüht, ihren Beitrag zur Besserung zu leisten, ob es nun noch okay ist, Kinder Kletteräffchen zu nennen.

Wie gesagt, gut und wichtig. Aber schießen wir nicht etwas am Ziel vorbei?

Denn ja, die Sprache im Alltag ist wichtig. Doch soll ich jetzt nichtmehr Pferd für meine Kinder sein, weil manche (oft hübsche) weißen Mädchen mit längerem, schmalem Gesicht als solches Beschimpft wurden?
Tun wir dem Rest der Welt nicht einen größeren Gefallen, wenn wir unsere Energie investieren um Respekt zu leben? Indem wir z.B. die Menschenwürde aller anerkennen und entsprechend würdigen?

Das heißt für mich unter anderem einkaufen ohne zu unterstützen, dass für Hungerlöhne unter schrecklichen Bedingungen für uns reiche Weiße geackert werden muss. Sondern wirklich die Verantwortung für meinen Konsum zu übernehmen, und die am Produktionsprozess Beteiligten wirklich fair zu entlohnen, sodass sie sich ihre Gesundheit erhalten können. Und im besten Fall auch das Ökosystem, in dem sie leben!

Doch solcher Luxus ist nichteinmal mehr uns Weißen gegönnt. Wir halten uns für überlegen, zwischen unseren mit Glyphosat verseuchten Monokulturen. Überzeugen den Rest der Welt von unserer Scharade und reißen sie mit in den Abgrund. Das ist dann nichtmehr Rassismus, sondern Dummheit.

In der Sprache sollen wir achtsam sein, und im Handeln.

Ich werde mich nun darum bemühen, die verschiedenen ethnischen Gruppen als ursprüngliche Einwohner von jener geographischen Region zu beschreiben. Beispielsweise die Völker der Arktis. Was total ungenau ist, aber okay.
Weiterhin möchte ich auch so wenig wie möglich Elektro- oder sonstigen Müll zu produzieren, um die Ressourcen des Planeten zu schonen, auf dem unglaublich viele wunderbare Menschen und Tiere leben, deren Lebensraum täglich beschnitten und beeinträchtigt wird. Ich will Eigeninitiativen unterstützen, bei denen Menschen kreativ werden und sich behaupten, gegen die Widerstände unseres kapitalistischen Übermacht. Ethisch wünschenswerte Produktionswege zu unterstützen, mit dem Stimmzettel des Kassenbons.

Den ich übrigens für viel mächtiger halte als den Stimmzettel in der Wahlkabine.

Während ich mir immer wieder vor Augen führe, wie weise und interessant die verschiedenen Philosophien und Ansichten der verschiedenen Traditionen sind, erinnere ich mich daran, wieviel Blödsinn mir beigebracht wurde. Welche Vorurteile ich bereinigen darf. Wie vielfältig die Welt interpretierbar ist.
Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben übrigens keine Ahnung von den Traditionen, Ansichten und Bräuchen ihrer Vorfahren. Sie sind in westlichen Ländern aufgewachsen und fühlen sich wunderbarerweise zugehörig! Mit Dirndl und allem!

Oder wenigstens zugehöriger als zu allem anderen.

Und wenn sie noch echten Bezug zur Kultur ihrer Ahnen haben, dann haben sie mir etwas voraus.

Was ich mich übrigens gefragt habe ist, wenn wir aufgrund der Prägung bestimmter Wörter Begriffe wie ‚Kletteräffchen‘ vermeiden sollen, ist das dann nicht Speziesismus?
Denn es wird ja die Tierwelt als minderwertig anerkannt, wenn alle sich darauf einigen, dass es gemein ist, Menschen als Tiere zu bezeichnen.
Die Tiere werden von den Worten weniger schnell verletzt als Menschen. Allerdings bekommen sie unsere abwertende Haltung tagtäglich in der Massentierhaltung zu spüren.

Können wir nicht einfach nett zu allen und allem sein?!

Kann es wirklich so schwer sein, sich als ein kleiner Teil in einer wunderbar vielfältigen Welt zu sehen, in der man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt? Neugierig beobachten, erkunden, untersuchen, auf welche Arten wir uns unterscheiden? Wie wir diese Unterschiede nutzen können, um uns gegenseitig zu bereichern?

Anstatt ständig neue Mauern aufzuziehen.

Ich fasse zusammen: Wenn wir über Ureinwohner sprechen, ist es am sichersten, die Gruppen mit ihrer geographischen Herkunft zu beschreiben. Wenn man diese sicher zuordnen kann. Und viel wichtiger – Menschen die nicht wie klassische Weiße aussehen, werden gern mit dem gleichen Respekt behandelt, der auch Weißen entgegengebracht wird.

Klingt machbar.

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Hier schreibt Mira. Hauptberuflich Lebenskünstlerin mit Fokus auf Heilkunde und Mutterschaft.

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