Der tantrische Zugang zu Beziehungen – Gurus überall

Ich analysiere gern Muster in zwischenmenschlichen Beziehungen. Im Zuge eines zaghaften Versuches der Fehleranalyse und Reinszenierungs-Prävention wurde mir allerdings wieder deutlich, dass ich mein Leben nicht kontrollieren muss, sondern mich nur dem Fluss hingeben.

Auch Analyse ist berechtigt.

Aber mit dem Verstand können wir nichts kontrollieren. Wir können ihn nutzen, um destruktive Glaubensmuster bewusst auszuhebeln oder wenigstens abzuschwächen. Für die Zukunft kann er nur vage Tendenzen ausmachen.
Im Tantra wird ohne Manipulation angenommen, was ist. Wir beobachten, was im Hier und Jetzt passiert, ohne uns einzumischen.

Beziehungen
Sobald die ersten Blockaden überwunden sind wachsen wir ganz automatisch, während wir uns durch die verschiedenen Erfahrungen bewegen.

Es gibt keine Sicherheit. Und gleichzeitig ist alles, wie es sein soll.

Die Fragen sind wertvoll, und ich beschäftige mich gern mit ihnen. Aber manchmal entwickeln sie eine starke Eigendynamik, und ich verliere das Vertrauen. Daher ist es wichtig, auch immer wieder aussteigen zu können.

Die Antworten kommen zu gegebener Zeit von selbt.

Der folgende Text von Jeff Foster wurde mir auf meine analytischen Fragen geschickt, und hat meinen Geist beruhigt. Ich finde ihn wunderschön, daher habe ich ihn übersetzt und ein klein wenig ergänzt, um ihn einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Unten findet sich die englische Originalfassung.

Tief im tantrischen Schlamm
(Übersetzung eines Textes von Jeff Foster)

Uns wurden Lehrer, Führer, Engel, Heiler, Provokateure, Verbündete und Widersacher in allen Formen und Farben geschickt. Unsere Partner, Freunde, Familienmitglieder, Liebhaber. Unsere Therapeuten, Arbeitskollegen, Fremde in der Straßenbahn.

Unsere wahren Lehrer sind immer um uns.

Die wahrhaftigen Lehren des Lebens liegen seit Anbeginn der Zeit tief in uns.

All die Menschen in unserem Leben bieten uns Geschenke an. Manche davon sind offensichtlich. Manche Geschenke erkennen wir erst rückblickend.

Beziehungen
Quelle: Pixabay

Durch manche Beziehungen lernen wir, zuzuhören.

Jemandes Wahrheit zu empfangen, ohne loszustürmen um etwas zu reparieren, Ratschläge zu erteilen oder die Gefühle, die dieser Mensch gerade fühlt, abstellen zu wollen. Die Welt dieses Menschen ernstzunehmen. Aus unserer eigenen Sicht auf die Welt auszusteigen. Unsere Selbstvereinnahmung und unseren Narzissmus loszulassen, uns in jemand anderen wirklich einzufühlen.

Manche Beziehungen lehren uns, auf uns selbst zu hören, uns mit unseren Wünschen und Bedürfnissen zu verbinden.

Unsere wahrhaftigen Gefühle ehrlich zu teilen. Offen zu sagen, was in unserem Innenleben vorgeht, während uns das Herz klopft, weil wir uns darüber sorgen, wie wir damit aufgenommen werden.

Manche Beziehungen lehren uns, uns lieben zu lassen, die Liebe hereinzulassen.

Wie wir uns erlauben können, Unterstützung anzunehmen. Um Hilfe zu bitten, und dies nicht als Schwäche zu sehen. Auf uns achten zu lassen. Umsorgt zu sein. Liebevolle Aufmerksamkeit zu empfangen. Gehalten zu werden, unter mitfühlendem Blick. Dieses Mitgefühl in uns aufzunehmen. Zu wissen, dass wir es verdienen.

Manche Beziehungen lehren uns, andere zu unterstützen, auf ihre Gefühle und Bedürfnisse zu achten, für einander zu sorgen.

Die Führung zu übernehmen und aus unseren eigenen Themen auszusteigen. Sowohl unsere Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, als auch unsere emotionale uns körperliche Stärke. Das Geschenk unserer Opferbereitschaft. Sowie unsere Grenzen des Gebens. Aus einer Genährtheit, einem Überfluss zu geben, anstatt eines Schuldgefühls.

Manche Beziehungen lehren uns die Notwendigkeit, für uns selbst zu sprechen.

Sie zwingen uns, ehrlich zu werden bezüglich dem, was für uns nicht in Ordnung ist, was uns wehtut, was sich falsch anfühlt, was sich nach ‚zu viel‘ oder ‚zu wenig‘ anfühlt. Bewusst wahrzunehmen, wenn unsere Grenzen überschritten wurden. Unseren rechtschaffenen Ärger auszudrücken. Den Teil anzuerkennen, der sich als übersehen, überhört, nicht respektiert, missbraucht empfindet. Uns selbst genug zu respektieren, um Nein zu sagen, trotz der Konsequenzen.

Manchmal lernen wir durch Trennungen, gebrochene Herzen, den Tod oder die Transformation von Beziehungen.

Wir finden den Mut, einen Schritt aus etwas Ungesundem herauszugehen, einen Schritt heraus aus Altbekanntem, einen Schritt in das Unbekannte und die Lebendigkeit, vielleicht einen Schritt in Herzschmerz und Einsamkeit. Einen Schritt in unsere Kraft zu machen, und unser wertvolles Herz zu ehren, während es sich öffnet und schließt, öffnet und schließt, öffnet und..

Manchmal wachsen wir, indem wir in den Beziehungen bleiben, während wir am liebsten davonlaufen wollen, oder wenigstens einen Schritt zurück machen würden.

Wir lernen, präsent zu bleiben, während Konflikten und Missverständnissen. Unsere Wut, Angst, Trauer und Verärgerung, Scham und Schuldgefühle bewusst wahrzunehmen. Unsere schmerzhafte oder freudige Wahrheit auszudrücken.

Kraft darin zu finden, zu bleiben.

Gemeinsam langsamer zu werden, um das Chaos zu betrachten. Einen Punkt zu finden, an dem Verbindung wieder möglich wird. Vielleicht Zugeständnisse zu machen. Vielleicht zu sagen, dass es einem Leid tut. Zu unseren Wunden und Taten zu stehen.

Manchmal lehren uns Beziehungen, wie wir miteinander sein können, manchmal wie wir mit uns selbst sein können.

Wie wir aufhören können, vor unserer wertvollen Zeit allein, wegzulaufen. Die Freude in der Stille, der Ruhe und der Leere zu finden.

Eins zu sein. Zwei zu sein.

Sich zu vereinigen. Sich zu trennen.
Wahrzunehmen, wenn wir aus dem Gleichgewicht sind.
Wahrzunehmen, wenn wir im Gleichgewicht sind.
Wahrzunehmen, wenn wir uns vernachlässigt empfinden.
Wahrzunehmen, wenn wir uns genährt empfinden.
Erstickt. Frei.
Taub. Empfindsam.
Abgetrennt. Verbunden.

Leer. Voll.

Unser Bedürfnis nach dem Alleinsein ernstzunehmen.
Unser Bedürfnis nach Gesellschaft ernstzunehmen.

Zu wissen, wann wir uns verstecken, Angst davor haben, gesehen zu werden, Verbindung meiden.
Zu wissen, wann wir uns kopflos für andere verlassen, vor uns selbst davonlaufen um anderen in Mit-Abhängigkeit zu begegnen, in der Erwartung, gerettet, repariert, verbessert, vervollständigt zu werden.

Manchmal ist Beziehung Glückseligkeit.
Manchmal ist sie verwirrend und quälend.
Wir sind dazu berufen, die Höhen der Intimität zu berühren.
Wir sind dazu berufen, die Tiefen unserer existenziellen Einsamkeit und unseres tiefsten Verlangens zu berühren.

Wir sind dazu berufen, uns selbst zu erkennen.

Jede Erfahrung auf dem Pfad der Beziehung kann uns lehren, verändern, heilen.
Selbst oder gerade in den Schwierigkeiten finden wir Einsichten und Segnungen.
Wenn wir nur bereit sind, langsamer zu werden und zu schauen.
Wenn wir nur bereit sind, neugierig zu bleiben und die mutige Aufgabe erfüllen, uns in unsere verkörperte Erfahrung zu entspannen.
Wenn wir nur bereit sind, den Schmerz und das Vergnügen des sich Verbindens zu fühlen.

Tief im tantrischen Schlamm mögen wir Gold finden.

Originale Fassung von Jeff Foster:

DEEP IN THE TANTRIC MUD

We have been sent gurus, guides, angels, healers, provocateurs, allies and antagonists in all shapes and sizes. Our partners, our kids, friends and family members, lovers. Our therapists, our work colleagues, strangers on the subway.

Our true teachers are all around us.

Because the true teachings of life are ancient and lie deep within us.

All the people in our lives right now have gifts to offer. Some gifts are obvious.

Some gifts are only realised in hindsight.

Through some relationships we are taught how to listen. To receive someone else’s truth without rushing in to fix them, advise them or stop them feeling what they’re feeling. To take their world seriously. To get out of our own heads. To lose our self-absorption and narcissism and step into different shoes.

Some relationships teach us how to hear ourselves, connect with our own wants and needs.

To share our authentic feelings honestly, speak what’s really going on in our inner world, even as our hearts pound and we worry how we’ll be received.

Some relationships teach us how to be loved, how to let love in.

How to allow ourselves to be supported. To ask for help and not see that as a weakness. To be looked after. To be cared for. To receive loving attention. To be held in another’s compassionate gaze. To let that compassion in. To know that we are so deserving of that.

Some connections teach us how to give support, to pay attention to another person’s feelings and needs, to look after another.

To take the lead and step in and step out of our own stuff. To give our time and attention, our emotional and physical strength. To offer the gift of our willing sacrifice. To discover our limits in the giving too. To give from a place of self-nourishment, not guilt.

Some relationships teach us the necessity of speaking up for ourselves.

They force us to get honest about what’s not okay for us, what hurts, what feels wrong, what feels like ‘too much’ or ‘too little’. To become aware of when our boundaries have been crossed. To express our righteous anger, the part of us that feels unseen, unheard, not respected, abused. To respect ourselves enough to say “No”, despite the consequences.

Sometimes we learn through break ups, heartbreaks, the death and transformation of relationships.

We find the courage to take a step out of something that’s unhealthy for us, step out of the old and into the unknown, step into aliveness, step into heartbreak and feelings of loneliness maybe, step into our power and honour our precious hearts as they close and open and close and open and…

Sometimes we grow by staying in relationship when we feel like leaving and stepping away.

Staying present during conflict and misunderstanding, feeling our feelings of anger, fear, grief and exasperation, shame and guilt, expressing our painful or blissful truth. Finding power in the staying. Slowing down and looking together at the mess. Finding a place of reconnection, maybe. Making amends, maybe. Saying sorry, maybe. Owning our wounds and actions.

Sometimes relationship teaches us how to be with another and sometimes it teaches us how to be with ourselves. How to stop running from our precious aloneness. To find the joy in silence, stillness, solitude.

To be One. To be two.

To unify. To separate.
To sense when we are out of balance.
To sense when we feel neglected.
Smothered.
Numb.
Disconnected.
Empty. Full.

To take seriously our need to be alone.
To take seriously our need for companionship.

To know when we are hiding, afraid of being seen, avoiding connection.

To know when we are addictively abandoning ourselves for another, running from ourselves to meet another in codependency, expecting to be saved, fixed, mended, made whole.

Sometimes relationship is bliss.
Sometimes it is confusing, agonising.
We are called to touch the heights of intimacy.
We are called to touch the depths of our existential loneliness and deepest longings.

We are called to know ourselves.

All experiences on the path of relationship can teach us, change us, heal us.
Even in the struggle, we can find blessings and insights.
If we are willing to slow down and look.
If we are willing to stay curious and do the courageous work of softening into our embodied experience.
If we are willing to feel into the pains and pleasures of relating.
Deep in the tantric mud, we may strike gold.

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Hier schreibt Mira. Hauptberuflich Lebenskünstlerin mit Fokus auf Heilkunde und Mutterschaft.

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